Laut aktuellen Informationen sollen die Kassenvergütungen für die wichtigsten Positionen ab dem 1. Juli 2026 um 6,12 % steigen. Logo Deutschland präsentiert dies seinen Mitgliedern derzeit als eine Verdopplung einer ursprünglich verhandelten Erhöhung von 3,06 % zum 1. Januar 2026, lässt aber im Gegensatz zu den Vereinen dbl und dbs zumindest seine Mitglieder darüber abstimmen.

Vergütungsentwicklung 2026: Logopädie zahlt den Preis für politische Beitragskosmetik
Zum Jahresbeginn 2026 wünscht der VDLS allen Kolleginnen und Kollegen ein gutes neues Jahr. Was dieses Jahr jedoch nicht bringt, ist eine faire wirtschaftliche Perspektive für die Logopädie. Nach Jahren massiver Kostensteigerungen bei Mieten, Energie, Versicherungen, Material und Personal erleben wir erneut, wie unser Berufsstand systematisch ausgebremst wird.
Eine „Erhöhung“, die diesen Namen kaum verdient
Statt einer erwartbaren Anpassung zum 1. Januar 2026 werden die neuen Vergütungen erst zum 1. Juli 2026 wirksam. Diese Verzögerung ist kein technisches Detail, sondern eine gezielte politische Maßnahme – mit spürbaren finanziellen Folgen für jede Praxis.
Die wichtigste Position, die Einzeltherapie 45 Minuten, steigt von 71,76 € auf 76,06 €. Auf dem Papier klingt das nach +6,1 %. In der Realität bedeutet die spätere Einführung jedoch, dass übers Jahr gerechnet lediglich 3,06 % ankommen. Genau dieser Prozentsatz gilt auch für Diagnostik-, Berichts- und weitere Positionen.
Angesichts der realen Kostenentwicklung ist das nichts anderes als ein weiterer Kaufkraftverlust.
Politisch gewollte Unterfinanzierung
Der Grund für diese Konstruktion ist offen benannt: Das Bundesgesundheitsministerium will die Krankenkassenbeiträge künstlich stabil halten. Vergütungen werden nicht nach Bedarf, Verantwortung oder Kostenentwicklung angepasst, sondern danach, was politisch gerade noch vermittelbar erscheint.
Dabei wäre rechtlich deutlich mehr möglich. Die sogenannte Grundlohnsummensteigerung erlaubt für 2026 eine Erhöhung von rund 5,17 % – ausgeschöpft wird sie bewusst nicht. Stattdessen wird die Anpassung halbiert, gestreckt und schöngerechnet.
Die Logopädie wird damit erneut zum Finanzpuffer des Systems gemacht.
Der Vergleich mit anderen Berufsgruppen entlarvt das Ungleichgewicht
Besonders deutlich wird die strukturelle Schieflage im Vergleich zu ärztlichen Leistungen:
- Ärztinnen und Ärzte erhalten 2026 eine Honorarsteigerung von rund 2,8 % – auf einem bereits deutlich höheren Ausgangsniveau.
- Das durchschnittliche Bruttojahreseinkommen von Ärztinnen und Ärzten liegt bei über 146.000 €.
- Damit verdienen Ärztinnen und Ärzte im Schnitt mehr als das 2,1-Fache dessen, was Logopädinnen und Logopäden selbst bei Vollauslastung realistisch erzielen können.
Und das bei einem System, das ohne therapeutische Leistungen längst kollabieren würde.
Während ärztliche Leistungen politisch als „systemrelevant“ gelten, werden therapeutische Berufe weiterhin behandelt, als seien sie ein verhandelbarer Kostenfaktor, nicht aber ein unverzichtbarer Bestandteil der Versorgung.
Wenn Sparpolitik offen ausgesprochen wird
Besonders alarmierend ist, dass diese Entwicklung längst nicht mehr nur indirekt geschieht. Führende Politiker sprechen inzwischen offen darüber, Leistungen aus dem Katalog der gesetzlichen Krankenversicherung zu streichen.
So hat der CDU-Politiker Thorsten Frei öffentlich den Fortfall bestimmter GKV-Leistungen befürwortet – somit auch solcher Leistungen, die heute zur therapeutischen Grundversorgung gehören, wie die Logopädie. Die Botschaft ist eindeutig:
Nicht ineffiziente Strukturen sollen reformiert werden, sondern Leistungen für Patientinnen und Patienten sollen wegfallen.
Für unseren Berufsstand ist das ein klares Warnsignal. Wer heute Vergütungen deckelt und morgen Leistungen infrage stellt, bereitet den Boden für eine systematische Verdrängung therapeutischer Versorgung aus der Solidargemeinschaft.
Heilmittel: steigende Ausgaben – stagnierende Vergütungen
Besonders widersprüchlich ist: Die Gesamtausgaben der Krankenkassen für Heilmittel steigen seit Jahren deutlich, teils im hohen einstelligen bis zweistelligen Prozentbereich. Ursache sind steigende Bedarfe, demografische Entwicklungen und medizinischer Fortschritt.
Was jedoch nicht steigt, sind die Einkommen derjenigen, die diese Leistungen erbringen.
Die Rechnung ist einfach:
Mehr Arbeit, mehr Verantwortung, mehr Bürokratie – aber keine entsprechende Vergütung.
Die Folgen sind absehbar – und politisch ignoriert
Diese Politik hat Konsequenzen:
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- Praxen arbeiten dauerhaft an der wirtschaftlichen Belastungsgrenze
- Investitionen, Fortbildungen und faire Gehälter werden erschwert
- Der Fachkräftemangel verschärft sich weiter
- Die Versorgungssicherheit gerät langfristig in Gefahr
All das ist seit Jahren bekannt. Trotzdem wird die Logopädie weiterhin vertröstet, gebremst und nun zunehmend sogar grundsätzlich infrage gestellt.
Fazit: Wertschätzung sieht anders aus.
Die Vergütungsanpassung 2026 ist kein Fortschritt, sondern ein weiteres Beispiel dafür, wie therapeutische Berufe politisch kleingehalten werden. Während andere Berufsgruppen auf hohem Niveau verhandeln, wird bei der Logopädie über Verzögerungen, Deckelungen – und inzwischen sogar über den Leistungsabbau diskutiert.
Wer Versorgung sichern will, muss endlich anerkennen:
Logopädie ist kein Kostenproblem – sondern Teil der Lösung.
Alles andere gefährdet die Versorgung von Millionen Patientinnen und Patienten.
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