Verordnungsrückgang bei Kindern – und deren Folgen für die Kinder ...und für uns

Aus vielen Postings in unsere Foren und auch aus den -> Berichten derjenigen, die ihre Praxen schließen wussten wir bereits, dass der Rückgang von Verordnungen – insbesondere bei Vorschulkindern – kein subjektiv wahrgenommenes Phänomen ist. Gerade Kinderärzte zeichnen sich zunehmend durch eine teilweise völlig irrationale Verweigerungshaltung, selbst bei dringend behandlungsbedürftigen Sprachstörungen, aus. Von grotesken Äußerungen wie "Das wächst sich aus", "Gras wächst auch nicht schneller, wenn man daran zieht" bis hin zur Aussage: "Haben Sie schon einmal einen Erwachsenen gesehen, der stottert?", wird uns inzwischen fast täglich berichtet.

Belastbare Zahlen, möglichst aus validen Quellen, sind zu diesem Thema kaum zu bekommen – dachten wir bislang. Doch nach einer erneuten, intensiven Durchsicht der Heilmittelberichte des WidO (Wissenschaftliches Institut der AOK) stellten wir nun fest, dass darin – teils offen und teils recht versteckt in den Texten – alle benötigten Zahlen enthalten sind. Und das Ergebnis ist frappierend.

 

In den vier Jahren von 2013 bis 2016 (das Jahr 2012 wurde als Datenbasis hinzugenommen) gingen die sprachtherapeutischen Leistungen für 2- bis 6-jährige AOK-versicherte Kindern um bis zu 36% zurück. (Quelle: WidO Berichte 2013 bis 2017, jeweils mit den Zahlen der Vorjahre)

 

In der Tabelle sind links die Leistungen* pro 1.000 AOK-versicherten Kindern in den Altersstufen von 0 bis 14 Jahren und über vier Jahre hinweg angegeben. Rechts sind die prozentualen Veränderungen von Jahr zu Jahr bzw. in der letzten Spalte die Veränderungen über den Gesamtzeitraum gelistet.

 

*Der Begriff "Leistung" ist dabei nicht gleichzusetzen mit Verordnung. Eine Erstverordnung mit 10 Sitzungen stellt in den AOK-Statistiken 2 Leistungen dar (1 x ED und 1 x das Zehnerpaket) eine Folgeverordnung mit 10 Sitzungen entspricht einer gezählten Leistung. Um aus den Leistungen die Verordnungen überschlägig zu ermitteln, rechnet man ca. 2/3 der Anzahl der Leistungen.

 

In der grafischen Umsetzung stellt sich das so dar:

 

Da das größte Therapieaufkommen bei den 5- bis 6-jährigen zu verzeichnen war, ist diese obige Darstellung etwas verzerrt. Hier schafft ein Blick auf die absoluten Werte noch mehr Klarheit. Mit dem Umrechnungsfaktor 2,5 (Erklärung s. unten) ergibt sich für die in der gesamten GKV versicherten Kinder ein Rückgang um bis zu 260 Leistungen pro 1.000 Kinder eines Jahrgangs. Dies entspricht ca. 190 Verordnungen pro Tausend versicherten Kindern.  Das klingt zunächst harmlos, potenziert sich jedoch enorm, denn allein bei der AOK gibt 3.105 x 1.000 = 3,1 Millionen versicherte Kinder zwischen 0 und 14 Jahren.

 

Wie aus der nachfolgenden Gesamttabelle (Saldo Spalte Absolut AOK) abzulesen ist, sind allein bei der AOK in diesen vier Jahren pro 1.000 versicherten Kindern die Leistungen um je 356 Einheiten zurückgegangen. Das ergibt bei 3.105.000 AOK-Kindern 1,1 Millionen Leistungen oder ca. 750.000 Verordnungen. Da für jede Leistung exakt der jeweilige Umsatzbetrag bekannt ist (im Durchschnitt der betrachteten vier Jahre sind dies 289,33 Euro) wurde damit ein Umsatzvolumen von mehr als 319 Millionen Euro "eingespart".

 

Aus diesem Wert lässt sich nun relativ exakt auch der Gesamtbetrag innerhalb aller GVK-Kassen errechnen (s. Gesamttabelle unten), denn in den letzten Jahren betrug der GKV-Gesamtumsatz in der Sprachtherapie immer exakt (!) das 2,5 fache des AOK-Umsatzes. Somit wurden in diesen vier Jahren im gesamten GKV System, also bei 8,7 Millionen Kinder von 0-14 Jahren, fast genau 800 Millionen Euro nicht mehr in die Therapie frühkindlicher bzw. kindlicher Sprachstörungen investiert.

 

Im Betrachtungszeitraum gab es im Durchschnitt 9.774 logopädische Praxen, sodass sich pro Praxis für die vier Jahre ein Umsatzrückgang von 81.804 Euro und damit pro Jahr von mehr als 20.000 Euro ergibt.

 

Das erklärt Einiges.

 

Kinder haben keine Lobby

Ein Blick auf die Grafik unten (Quelle ebenfalls AOK bzw. GKV-HIS) zeigt, warum diese Entwicklung für die betroffenen Patienten aber auch für unseren Berufsstand so desaströse Folgen hat. Sprachtherapie heißt in den meisten Fällen Therapie bei Kindern. Die Patienten in den anderen Heilmittelbereichen und insbesondere in der Physiotherapie sind Erwachsene bzw. Senioren,  die ihre Gesundheitsinteressen vehement und - wenn es sein muss - auch mit massivem und lautem Nachdruck einfordern. Als Wähler finden ihre Proteste und Beschwerden daher zumeist auch offene Ohren in der Politik. Die momentane Debatte um die Krankenhaus- und Hausärzteversorgung, um die Kranken- und Altenpflege zeigt, dass ihre Interessen im Fokus von Politik und Ministerien stehen.

 

Kinder haben nur ihre Eltern und ihre Kinderärzte als Vertreter ihres Anspruchs auf eine gesunde Sprachentwicklung. Eltern wiederum müssen sich darauf verlassen können, dass Kinderärzte behandlungsbedürftige Sprachstörungen erkennen und diese Patienten uns, den ExpertInnen, zur vertiefenden Diagnostik und ggf. auch zur Behandlung zuleiten. Dies ist in den letzten Jahren jedoch immer weniger der Fall.

 

Auf der Suche nach Erklärungen fallen immer wieder zwei Beobachtungen auf: Seit einigen Jahren betreiben selbsternannte SprachexpertInnen in Ärzte-Fachzeitschriften und in Vorträgen und Seminaren, die sich insbesondere an Kinderärzte richten, eine Informationspolitik, die selbst essenzielle Sprachentwicklungsstörungen bei Kindern in die Nähe von Schönheitsfehlern rücken oder als liebenswerte, kindliche Besonderheiten darstellen. Es werden - mit Finanzierung durch Krankenkassen - Studien erstellt, die den Status Quo fundierter, wissenschaftlicher Erkenntnisse in Frage stellen. Diagramme wandern durch die Arztpraxen, die suggerieren, dass ein tatenloses Abwarten oft besser sei als eine sofortige Therapie. Dass solche Botschaften von Ärzten, die unter dem stetigen Kostendruck der Kassen stehen, – bewusst oder unbewusst – gern aufgenommen werden, ist dann eigentlich kein Wunder mehr.


Fundstellen

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Quelle: Kinder- und Jugendarzt, Heft 1/2008
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Quelle: Kinder- und Jugendarzt 4/14
Diagramm_erneut_S38.pdf
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Stellungnahme des DBL zu Schema Tigges-Zuzok · Quelle: DBL
Stellungnahme_DBL.pdf
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Quelle: Ärztezeitung online

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Quelle BLOG: Sprachtherapie ist kein "Muss"
Sprachtherapie kein „Muss“.pdf
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Regress: Offener Brief der Kinderärzte Eschweiler
OffenerBriefKÄEschweilerS.pdf
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