Die dunkle Seite der Selbstständigkeit – Praxisschließungen

Der Rückgang der Schülerzahlen und die massiven Probleme, bei den derzeitigen Kassenvergütungen Mitarbeiter zu finden sind nur zwei Indizien für eine Schieflage, für deren nachhaltige Behebung wir uns seit Anfang 2017 vehement einsetzen.

 

Während von anderen Verbänden immer noch das Bild der netten, kompetenten Therapeutin gemalt wird, die als hochqualifizierte Heilmittel-Dienstleisterin auf Augenhöhe und im täglichen, fachlichen Dialog mit den verordnenden Ärzten arbeitet, sprechen Tausende von Postings in unseren Facebook-Gruppen eine ganz andere Sprache. Vor allem der Schritt in die Selbstständigkeit wird für viele Newcomer zum sicheren Weg in ein finanzielles Desaster.

 

Uns liegen inzwischen etliche Berichte von Praxen vor, die mit viel Elan, Idealismus  und Schwung gegründet wurden und dann nach einigen Monaten oder wenigen Jahren einen leisen und unbemerkten Tod starben. Denn über Niederlagen wird ungern gesprochen. Nicht in Foren, nicht in Facebookgruppen oder auf Verbands-Homepages. Keine/r der ehemaligen BetreiberInnen war bislang bereit, einer Veröffentlichung ihres Berichtes auf der VDLS-Seite zuzustimmen. Nicht einmal dann, wenn Anonymität zugesichert wurde. Zu tief sitzt wohl die Scham über das vermeintliche, persönliche Versagen, über die angehäufte Ausbildungs- und Gründungsschulden, kurz über die nicht erfolgreiche Selbstständigkeit.

 

Umso dankbarer sind wir jetzt Tanja N.*, dass sie uns erlaubt hat, ihre Story hier zu veröffentlichen.

 

*Der richtige Name ist der Redaktion dieser Homepage bekannt.

 


Hier der Bericht von Tanja N.:

 

"Eine Verkettung unterschiedlichster Gründe hat dazu geführt, dass ich meine Logopädie-Praxis aufgegeben habe.

 

Die Praxis lief von der Auslastung her zunächst sehr gut. Aber das, was man arbeitet, steht in keinem Verhältnis zu dem, was man verdient. Ich bin Alleinerziehend. Und als Einkommen blieb mir nur ein Hungerlohn. Welcher Handwerksmeisterbetrieb könnte mit so einem Stundensatz überleben?

Ich hatte die Praxis in einer Gegend, wo die Mietpreise sehr gering sind. Dennoch standen die Betriebskosten zum Verdienst in keinem guten Verhältnis. Eine Altersvorsorge und Versicherungen konnte ich mir davon nie leisten.

Dann immer weniger Verordnungen. Und aus sehr zuverlässiger, persönlicher Quelle weiß ich, dass es mit den Verordnungen von Kinderärzten schon bald noch viel schlimmer werden wird. Das Problem ist: Die Kinderärzte werden immer mehr budgetiert. Hohe Strafen bei Überschreitung. Und in den Topf gehen ja nicht nur die Sprachtherapien.

 

Dann ist es einfach so, dass zu dem Budget, eine deutliche Nichtkenntnis der kindlichen Sprachentwicklung kommt. Das ewige Abwarten und immer wieder: „Das wird schon...“ Wo Studien doch ganz andere Dinge belegen. Es kommt auch immer noch auf das Bundesland an bzw. welcher Vertreter bei den Kinder- und Jugendärzten im Verband sitzt. Und die Politik, die meint, Sprachförderung reiche völlig aus. Ich habe vor kurzem ein Schreiben an die Kinderärzte gelesen, wo es, mit Bezug auf die Zweisprachigkeit, genau darum ging. Eine Praxis hatte mir das kopiert und man sagte mir dann, den Kinderärzten werden die Hände gebunden sein. Sprache ist etwas, was eben nicht sofortige Auswirkung auf dein alltägliches Leben nimmt. Wenn ich also höre, dass die Ärzte ein Schreiben bekommen haben: „Zweisprachigkeit ist kein Grund für eine Indikation von Logopädie“, wird mir Angst und Bange! Sprachförderung im Kindergarten genügt da?! Gut, die erwerben ihr Fachwissen in ein paar Wochen Seminar.

 

Das sind so viele Dinge. Viele sehen das nicht und wehren sich nicht dagegen. Wann haben Therapeuten neben der Arbeit Zeit, sich noch einzubringen?

 

Selbst kleine Fehler auf den Verordnungen führen dazu, dass man für die Arbeit, die man geleistet hat, kein Geld bekommt. Wo gibt es denn so etwas, außer bei den Therapeuten? Wenn sich bei Aldi eine Kassiererin um einen Euro irrt, bekommt sie deshalb eine Woche den Lohn gekürzt? Und einen Anwalt konnte ich mir nicht leisten.

 

Dann die Privatpatienten: Einen Satz wie vom dbl empfohlen 1,8 - 2,3 facher Satz.... Schön wäre es! Die Beihilfe hat ihre Sätze seit dem Jahr 2000(!) nicht mehr angepasst. Die sind geringer als der Kassensatz! Welcher Mensch arbeitet heute noch für den Lohn von vor 17 Jahren? Die dummen Sprachtherapeuten! Und da es nicht nur einen Logopäden gibt und die anderen zum Kassensatz arbeiten, wissen das die privaten Kassen und die Patienten. Da hast du keine Chance, egal wie gut Du ausgebildet oder ausgestattet bist!

 

Mir hat es auch an Zeit und Geld gefehlt. Ich habe immer mehr gearbeitet, immer mehr Umsatz generiert... aber genau das hat mich den Kopf gekostet... Finanzamt... Steuerberater...

 

Und dann der Fiskus, der sein Geld verlangt... Letzten Endes hat mich das alles zusammen in die Insolvenz getrieben.

Als Alleinerziehende hauptberuflich eine eigene Praxis führen? Keine Chance!

 

Ich gehe jetzt in die freie Wirtschaft – mit Potenzial zum Aufstieg und mehr Geld für meinen Einsatz!

 

 

P.S.:

 

Doch nicht nur als Selbstständige, auch als Angestellte habe ich gelitten. Ich war einen Monat in einer Logopädiepraxis angestellt...

 

Vollzeit! 1400€ netto mit Hängen und Würgen. Wie sollte ich davon meine kleine Tochter und mich ernähren? Ein Ding der Unmöglichkeit! Ich habe drei Staatsexamen und viele Jahre Berufserfahrung... Doch jeder Handwerker bringt netto 700€ mehr nach Hause. Und das mit wesentlich besseren Arbeitszeiten und in einem Betrieb, in dem das Arbeitsrecht greift. In einer Logopraxis hast du das nicht. Da wirst du ganz schnell gekündigt. Ein riesiges Problem. Und da ich es als Chefin selber erlebt habe, sind dir die Hände gebunden. Du kannst ja als Inhaber gar nicht mehr bezahlen."