Stichworte: Interdisziplinäre Zusammenarbeit mit Ärzten und Fachärzten, insbesondere Kinderärzten, Regressforderungen - Mythen und Fakten

Interdisziplinäre Zusammenarbeit mit Ärzten und Fachärzten

Beobachtungen und Untersuchungen zu diesem Thema

Im Forum der Facebook-Gruppe "Die Logos" sind zunehmend Beiträge von KollegInnen zu lesen, in denen von stetig wachsenden Problemen in der Zusammenarbeit mit Fachärzten - insbesondere mit Kinderärzten - berichtet wird. Die geschilderten Schwierigkeiten betreffen folgende Felder:

  • Fehlerhafte bzw. unvollständige Verordnungen
  • Ein zunehmend restriktives Verordnungsverhalten von Ärzten und Fachärzten bis hin zur Verordnungsverweigerung auch in medizinisch eindeutigen Fällen ("Das wächst sich aus."; "Gras wächst auch nicht schneller, wenn man daran zieht.")
  • Bezogen auf Störungsbilder und therapeutische Maßnahmen im Sprach- und Sprechbereich in manchen Fällen spürbare, fachliche Defizite in der Ärzteschaft
  • Eine schwindende Bereitschaft "auf Augenhöhe" mit LogopädInnen und SprachtherapeutInnen zu kooperieren
  • Obligatorische Berichtanforderung bei gleichzeitig zu beobachtender Nicht-Kenntnisnahme der darin dargestellten diagnostischen und therapeutischen Dokumentation

Bei den Überlegungen zu den Hintergründen dieser, insbesondere für die betroffenen Patienten, sehr unerfreulichen Entwicklung wurden von FachkollegInnen im Forum unter anderem der permanent steigende Rationalisierungsdruck der Krankenkassen (Stichwort Budgetierung) genannt. Aber auch verzerrende und fachlich falsche Darstellungen, die in Fortbildungen und in Aufsätzen und Artikeln an die Fachärzte lanciert werden, werden als Quelle genannt. Vor allem für Kinder resultieren aus dieser Fehlentwicklung teilweise gravierende und nachhaltige Beeinträchtigungen in ihrer Sprachentwicklung mit teils irreversiblen Auswirkungen auf ihre schulische, psychische und psychosoziale Entwicklung.

 

Evaluation der Ursachen von Problemen bei der Umsetzung von Interdisziplinarität

Nachfolgend findet Ihr ein PDF mit einer sehr ausführlichen Untersuchung von Martina Osswald aus dem Jahr 2008, in der die besonderen fachlichen, strukturellen und finanziellen Spannungsfelder der Kooperation zwischen Ärzten/Fachärzten und LogopädInnen/SprachtherapeutInnen ausführlich beleuchtet werden.

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Die interdisziplinäre Zusammenarbeit von Sprachtherapeuten und Ärzten
Interdisziplinär_Osswald.pdf
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Regressforderungen – Mythen und Fakten

Zweifelsohne sind Ärzte, Fachärzte und Zahnärzte einem ständig wachsenden Sparzwang durch die Krankenkassen ausgesetzt. Denn sie verantworten direkt oder indirekt 50% der Aufwendungen aus dem Gesundheitsfonds. Von den 200.000.000.000 Euro, die im deutschen Gesundheitssystem Jahr für Jahr von den Versicherten aufgebracht werden, verteilen sie 100 Mrd. Euro wie folgt:

  • 48 Mrd. Euro für die Leistungen von Ärzten und Zahnärzten
  • 34 Mrd. Euro für Arzneimittel (= Verordnungen)
  • 18,8 Mrd. für Heil- und Hilfsmittel & Co. (= Verordnungen)

Von den letzteren 18,8 Mrd. werden verwendet:

  • 7,6 Mrd. Euro für Hilfsmittel
  • 6 Mrd. Euro für Heilmittel
  • 3,3 Mrd. für Vorsorge- und Reha-Maßnahmen
  • 1,9 Mrd. für Prävention

Und von den 6 Mrd. Euro für Hilfsmittel entfallen schließlich

0,6 Mrd. Euro auf Sprach- und Sprechtherapie, also 0,3 % des Gesundheitsfonds

 

Man könnte auch sagen, für je 100 Euro Umsatz pro Praxis werden ungefähr 33 Euro Umsatz für Arzneimittel, 18 Euro Umsatz für Heil- und Hilfsmittel und ziemlich genau 1 Euro Umsatz für Sprach- und Sprechtherapie generiert.

 

Damit stellt sich die Frage, warum LogopädInnen bei solchen Gewichtungen in stetig zunehmende Maße feststellen müssen, dass insbesondere bei Kindern

  • Selbst hoch-auffällige, eindeutige Störungsbilder verharmlost werden
  • Besorgte Eltern nach dem St.-Florians-Prinzip an Kollegen weg-verwiesen werden
  • Verordnungen zunehmend restriktiv oder nur noch an besonders hartnäckige und gut informierte Eltern ausgestellt werden

Obwohl der Zusammenhang zwischen Regress-Ängsten und Verordnungsrückgang nur selten zugegeben wird, gibt es doch immer wieder Ärzte, die genau dies in einem Offenen Briefen* oder aber in persönlichen Gesprächen unter vier Augen  bestätigen.


(*am 02.10.2017 in einem Offenen Brief von Kinderärzten aus Eschweiler an die Heilmittel-ErbringerInnen in der Region)

 

Gibt es einen Zusammenhang zwischen einem drohendem Regress und dem Verordnungsverhalten?

 

Um die stetig zunehmende Belastung der Versicherten über ihren Krankenversicherungsbeitrag in Grenzen zu halten, wurden in den vergangenen Jahren im System immer neue Kontroll- und Reglementierungsmechanismen eingeführt. Eine dieser Maßnahmen ist die sogenannte Richtgrößenregelung, mit der die Veranlassung von Kosten innerhalb vorgegebener, enger Grenzen gehalten werden soll. Für die Ärzte innerhalb einer Fachgruppe wird dabei pro Kopf ein Euro-Betrag vorgegeben, der – multipliziert mit der Anzahl der durchlaufenden Patienten – nicht oder nur mit sehr geringen Toleranzen überschritten werden darf. Diese Richtgrößen werden regelmäßig auf der Basis der Vorjahreszahlen neu ermittelt und in Altersstufen aufgeschlüsselt bekanntgegeben.

  • Bei Überschreitungen droht dem Praxisinhaber ein Beratungs-, sprich Mahn- und Regressverfahren. Im letzten Schritt einer Reihe von Maßnahmen kann der betreffende Arzt dann tatsächlich für Budgetüberziehungen zur Kasse gebeten werden. Allerdings gibt es etliche Gestaltungsmöglichkeiten mit denen Indikationen und Verordnungen zuverlässig budget-unschädlich gestaltet werden können. Man muss diese nur kennen oder zumindest zur Kenntnis nehmen. Außerdem sorgen verschiedene Sicherheitsmechanismen dafür, dass ein sofortiger finanzieller Schaden bei Erstvorkommnissen nicht eintreten kann. Dazu gehören, nach der festgestellten Überschreitung, u.a. verschiedene Beratungsstufen, so dass erst im allerletzten Schritt und im Wiederholungsfall mit einer Zahlungsaufforderung zu rechnen ist (s. unten verlinktes PDF "Fakten und Mythen"). Allerdings kennen offenbar viele Ärzte die dort dargestellten Mechanismen nicht und nutzen daher die vorhandenen und vor allem die im Januar 2017 neu geschaffenen Gestaltungsspielräume nicht. Auch Trendmitteilungen, die einer Praxis frühzeitig mitteilen, "wo sie steht", werden offenbar nicht angenommen. Und auch die Kontrollmechanismen der Praxissoftwarepakete werden nicht genutzt, sondern stattdessen manuelle Strichlisten geführt und es wird aus dem Bauch heraus gehandelt. Doch Gefühle sind nur selten ein guter Ratgeber, wenn es um Zahlen geht.
  • Eine selbst auferlegte Verordnungs-Zurückhaltung wird in vielen Fällen als praktikabler angesehen, als das ständige Herantasten an die Richtgrößen. Doch genau dies Verhalten ist nicht nur für Patienten schädlich, die einen Anspruch auf eine vertragsgemäße Versorgung haben, sondern vor allem schaden Ärzte  sich selbst durch ständige Unterschreitungen der Richtgrößen nachhaltig. Denn ein bewusst restriktives Verordnungsverhalten auf breiter Ebene innerhalb einer Fachgruppe führt spätestens im Folgejahr zu einer Herabsetzung eben dieser Beträge und von Jahr für Jahr zu einer weiteren Verkleinerung der entsprechenden Etats. Die Spielräume werden damit zunehmend enger und den Kassen werden die Argumente für immer weitere Budgetkürzungen frei Haus geliefert. Dies kann nicht im Interesse der Mediziner und schon gar nicht im Interesse ihrer Patienten sein.

 

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Fakten, Mythen und Regresse · Informationen der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe
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Kommentar über Sprachentwicklung - Die Therapie kommt viel zu spät (Quelle: Weser-Kurier)
Die Therapie kommt viel zu spät - Polit
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