Stichworte: Kassenverhandlungen 2017 · Verhandlungen VDEK, AOK Rheinland · Abschluss in Westfalen Lippe

Kassenverhandlungen 2017

Verhandlungen VDEK

Der VDLS hat am 28.06.2017 das Schiedsverfahren mit dem VDEK eröffnet und diesem eine Schiedsperson vorgeschlagen. Innerhalb von zwei Wochen muss nun der VDEK den Vorschlag annehmen oder - im Falle einer Ablehnung -  selbst eine Schiedsperson benennen. Wird diese wiederum vom VDLS nicht akzeptiert, muss das BVA innerhalb von vier Wochen eine Schiedsperson bestimmen. Diese wird dann innerhalb von drei Monaten einen Schiedsspruch fällen. Der VDLS fordert ab dem 01.04.2017 eine Vergütung von 48,83 Euro für die Therapiesitzung mit 45 Minuten und bei den anderen Vergütungspositionen eine entsprechend analoge Steigerung. Dies entspricht einer Steigerung von insgesamt 50% innerhalb der nächsten drei Jahre bezogen auf die Vergütungssätze in Bayern.

 

Verhandlungen AOK Nordrhein

Am 21.06.2017 traf sich der VDLS mit Vertretern der federführenden AOK Rheinland, der BKK und IKK in Düsseldorf zur Verhandlung der Ende März vorgelegten Preisvorschläge. In einem äußerst intensiven und über insgesamt sechs Stunden geführten Dialog konnte der VDLS seine Ziele und Vorstellungen darlegen, erläutern und belegen. Insbesondere auch die Haltung des VDLS, mit Blick auf die angestrebten 48,83 Euro/45 Min.-Therapieeinheit, die Angestellten an den möglichen Einkommenssteigerungen teilhaben zu lassen, fand große Zustimmung. Weiter Themen waren die Anwesenheitspflicht und weitere Auflagen der bestehenden Rahmenverträge. Die Angebote des VDLS werden nun den Vorständen zur Besprechung vorgelegt. Eine Stellungnahme seitens der Kassen wurde innerhalb eines Zeitrahmens von drei Wochen zugesichert.


Hintergründe

Als Bestandteil der zumeist längerfristig geltenden Rahmenvereinbarungen zwischen den Kassen und den Berufsverbänden werden die Vergütungsvereinbarungen bislang zumeist ein Mal jährlich zwischen den Vertragsparteien neu ausgehandelt. (Eine Darstellung der Grundlagen dieser Vertragskonstruktionen findet Ihr -> hier)

Neue Chance durch das HHVG

In den vergangenen Jahren waren die Vergütungssteigerungen für Heilmittelleistungen per Gesetz auf den max. Prozentsatz der Grundlohnsummensteigerung "gedeckelt". Das Heil- und Hilfsmittelsversorgungsgesetz HHVG hebt seit Februar 2017 diese Begrenzung vorübergehend auf. Die Politik hat erkannt, dass bei den Vergütungen, insbesondere zur fairen Bezahlung der in diesem Bereich zumeist tätigen Frauen, eine deutlich Korrektur nach oben erforderlich ist.  Für die Jahre 2017 bis 2019 erhalten damit die Verbände eine echte Chance, den realen Einkommensverlust der LogopädInnen in den vergangenen 12 Jahren zu korrigieren. Denn in diesem Zeitraum wurde in den Verhandlungen von DBL, DBS, DBA und Logo Deutschland zumeist nicht einmal dieses Minimalergebnis erreicht, sondern sogar unterhalb der Grundlohnsummensteigerung abgeschlossen (s. Tabelle weiter unten).

 

Diese - auch absolut betrachtet - keinesfalls kostendeckenden Sätze in Verbindung mit dem in den Rahmenverträgen abgenötigten Verpflichtungen zu Gratis-Dienstleistungen wie Vollzeit-Verfügbarkeit der Praxis, der unbezahlten Erstellung von Therapieberichten, der Vor- und Nachbereitung ohne Vergütung u.v.m. haben zu einer ruinösen Gesamtsituation insbesondere für Kleinstpraxen geführt. Die klassische Ein-Frau-Praxis ist in dieser Situation nicht überlebensfähig und größere Praxen können nur dadurch existieren, dass sie die vertraglich erzwungene Selbstausbeutung auf die angestellten Mitarbeiter übertragen.

 

Die fatalen Folgen für das Gesundheitssystem und für die Versorgung der gesetzlich Versicherten mit Heilmittelleistungen sind bereits -> deutlich spürbar. Die Schüler- und Studentenzahlen im Bereich der Sprachtherapie sind rückläufig. Wer will schon eine teure Ausbildung aus eigener Tasche bezahlen, ohne die Chance, das eingesetzte Geld zu Lebzeiten jemals zurück erwirtschaften zu können? Und viele Kleinpraxen sterben einen lautlosen und zumeist von der Öffentlichkeit unbemerkten Tod.

Für alle, die es ganz genau wissen wollen

Die nachfolgende Tabelle zeigt, bezogen auf die AOK Rheinland, was in den Verhandlungen der letzten Jahre, trotz der Beschränkung auf die Grundlohnsummensteigerungrate möglich gewesen wäre und was tatsächlich von de o.g. Verbänden erreicht wurde. Fazit: Statt der längst überfälligen Anhebung auf ein existenzsicherndes Niveau haben uns die Verhandlungen der letzten Jahre einen fortschreitenden realen Einkommensverlust beschert.


Erste Chance vertan: Neue Preise der RVO-Kassen in Westfalen Lippe für drei Jahre

Wer nun glaubt, mit dem vorübergehend geschaffenen Freiraum (Wegfall der Grundlohnsummenkopplung) würden nun endlich Ergebnisse erzielt, die eine spürbare Verbesserung der Einkommen bedeuten, sieht sich getäuscht:

 

Mit Datum vom 24.04.2017 wurden, nach einer erstaunlich kurzen Verhandlungszeit, die für Westfalen-Lippe geltenden neuen Vergütungen der AOK Nordwest, BKK Nordwest, IKK Classic und Knappschaft bekannt gegeben. Die erste Freude über ein in manchen Bereichen zweistelliges Verhandlungsergebnis für 2017 war jedoch bei genauerer Betrachtung schnell verflogen.

  • Die Erhöhung auf 42,30 Euro für die 45 min. Standard-Therapiesitzung entspricht 10,5 % Zuwachs. Gleichzeitig wurden aber schon im Voraus für die Jahre 2018 und 2019, also für den gesamten "unlimitierten" Verhandlungszeitraum, weit schlechtere Steigerungen von 6,4 % bzw. 6,0 % festgelegt. Dies entspricht einem Gesamtzuwachs von ca. 35 %. Bei der Erstbefundung sind es sogar nur 25 % in drei Jahren.
  • Die Berechnungen des VDLS zeigen aber, dass insgesamt mindestens 50 % Zuwachs in den nächsten drei Jahren erforderlich sind, um die Logopädie-Praxen wieder in ein wirtschaftlich tragfähiges Fahrwasser zu bekommen, die Verluste der vergangenen Jahre auszugleichen und die Therapeuten - ob selbstständig oder angestellt - anständig zu bezahlen.
  • Wäre z.B. Logo Deutschland der selbst gesteckten Untergrenze von 15 % für Westfalen-Lippe treu geblieben und diese Mindestforderung auch in separaten Verhandlungen der Folgejahre durchgesetzt, hätte sich so tatsächlich die erforderlichen 50% Steigerung ergeben (exakt 52,08 %). Hier wurde jedoch ohne Not ein für drei Jahre geltendes Ergebnis "erzielt", unter das - wie wir vermuten - die Kassenvertreter nicht ohne Grund ganz schnell ihre Unterschriften gesetzt haben.
  • D.h. mit der Festlegung auf drei Jahre wurde die einmalige Chance verspielt, in Westfalen Lippe innerhalb der drei "ungedeckelten" Jahre ein wirkliche Verbesserung zu erzielen.
  • Doch damit nicht genug: Während die "enormen" Steigerungen bei den Gruppentherapien in der Praxis mangels Anwendung kaum eine Rolle spielen, kommen für den zeitaufwändigen und fast immer geforderten Therapiebericht weiterhin nicht einmal mehr die Kosten der Briefmarke herein. Die meisten Briefe dürfen schwerer als 20g sein... Ob eine solch fachlich hochwertige und zeitaufwändige Arbeit mit 70 oder 75 Cent vergütet wird, ist dann schon einerlei. In jedem Fall hätte diese Farce jetzt korrigiert werden müssen. Stattdessen hat man die Herabwürdigung unserer fachlichen Leistung auch in diesem Punkt für weitere drei Jahre zementiert.
  • Auch die Haus- und Einrichtungsbesuchspauschalen decken nicht annähernd den tatsächlichen Aufwand und das Einfrieren der Pauschalen für Überlandfahren inklusive dem lächerlichen Anteil der Pkw-Kilometerkosten ist ganz und gar nicht nachvollziehbar. Oder wurden diese Positionen in der Freude über den schnellen Abschluss vergessen?
  • Last but not least machen uns die erstaunlich "runden" Prozentzahlen bezogen auf den Gesamtzeitraum seit 2015 stutzig: Jeweils knapp 25, 35, 50 oder 75 Prozentpunkte. Ist dies nur ein Zufall oder der Beweis für eine "Stallorder", die zeigt, dass dies exakt das von den Kassen vorab angepeilte Ergebnis war?
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Preisvereinbarungen Westfalen-Lippe, gültig ab dem 1.6.2017
20170426_Preisvereinbarung 01.06.2017.pd
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Preisvereinbarungen Schleswig-Hosltein, gültig ab dem 1.6.2017
2017 AOK SH 01.06.2017.pdf
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